Ostgroppe

Was ist eine Ostgroppe
Die Ostgroppe (Cottus poecilopus) gehrt zu der artenreichen Knochenfischfamilie der Cottidae (Groppen), aus der nur relativ wenige Vertreter in das Swasser vorgedrungen sind. Neben der Ostgroppe ist hier vor allem die in heimischen Bchen weit verbreitete Westgroppe (Cottus gobio, auch Mhlkoppe) zu nennen. Den meisten Angehrigen der Cottidae ist ein drachenhaftes Aussehen mit einem groen Kopf und einem sich nach hinten stark verjngenden Krper gemeinsam. Besonders auffllig sind das im Verhltnis zum Krper sehr groe Maul und die groen Brustflossen. Die maximal 12 cm lange Ostgroppe ist hinsichtlich dieser Merkmale ein recht typischer Vertreter ihrer Familie.

kologie und Fortpflanzung
Ostgroppen sind Bewohner des Gewssergrundes und halten sich am liebsten versteckt unter Steinen auf. Deshalb bentigen sie auch keine Schwimmblase. Auf ihrem Speisezettel stehen Insektenlarven, Kleinkrebschen und andere Wirbellose. Fr den Lebensraum entscheidend ist die Wassertemperatur, denn Ostgroppen lieben die Klte und vertragen keine Temperaturen ber 15 C. Man findet sie deshalb nur in khlen Bchen und in Tiefen Seen. Das Laichverhalten der Ostgroppen ist sehr ausgeprgt. Die Mnnchen suchen sich im Frhjahr eine geeignete Hhle und versuchen in diese ein passendes Weibchen zu locken. Ist dies gelungen kommt es zur Paarung, was eine lngere Zeit in Anspruch nehmen kann. Dabei wird ein Paket mit 100 500 Eiern an die Wandung der Hhle geklebt. Anschlieend verlsst das Weibchen die Hhle, whrend das Mnnchen das Gelege bis zum Schlupf der Jungtiere (nach ca. 3 4 Wochen) bewacht. Besonders potente Mnnchen laichen nacheinander mit mehreren Weibchen.

Verbreitung und Besiedlungsgeschichte
Das Verbreitungsgebiet der Ostgroppe, die mitunter auch als Sibirische Groppe bezeichnet wird, ist sehr gro und reicht weit bis in den asiatischen Teil Russlands. In Europa gibt es zwei Verbreitungsschwerpunkte, die skandinavischen Ostseezuflsse und die Karpaten. Dort ist die Art in vielen Bchen anzutreffen. Auch wenn ber den Zustand der Populationen in diesen Gebieten wenig bekannt ist, lsst sich sagen, dass die Ostgroppe global nicht zu den stark gefhrdeten Arten gehrt. Eine lokale Besonderheit stellt jedoch das sdbaltische Tiefland zwischen Ostsee und Karpaten dar. Hier weisen die Bche und Flsse zu hohe Sommertemperaturen fr die wrmeempfindliche Art auf. Im Zuge der letzten Eiszeit gelangten jedoch Ostgroppen am Rande der Gletscher in das Gebiet, wo sie sich nach Rckzug der Eismassen in einigen besonders tiefen Seen halten konnten. Die dort lebenden Groppen sind seit dem Ende der Eiszeit vor 10 000 Jahren vom Hauptverbreitungsgebiet abgetrennt und genetisch vllig isoliert. Sie werden deshalb auch als Glazialrelikte bezeichnet und stellen einen Vorposten an der Westgrenze des Verbreitungsgebietes dar.

Ostgroppen in Deutschland
In wie vielen Seen des sdbaltischen Tieflandes die Ostgroppe einst vorkam, lsst sich heute nicht mehr bestimmen. Ihre Existenz wurde erst zum Ende des 19 Jahrhunderts festgestellt. Sichere Nachweise erfolgten um die Jahrhundetwende im Groen Plner See in Schleswig-Holstein, dem in Pommern gelegenen Einzig-See sowie in den mecklenburgischen Luzinseen bei Feldberg. Heute gibt es die ursprnglichen Populationen in keinem dieser Gewsser mehr. Die Ostgroppe gilt deutschlandweit als ausgestorben. Die vermutlich einzige Population, der das berleben im sdbaltischen Tieflandgebiet gelang, befindet sich im nordostpolnischen Hanczasee, nahe der Grenze zu Litauen. Der Bestand in diesem 108 m tiefen Binnensee wurde erst in den 1970er Jahren durch Wissenschaftler der Universitt Breslau entdeckt und weist noch heute einen vitalen Bestand auf.

Gefhrdungsursachen
Bei den von der Ostgroppe im sdbaltischen Tiefland besiedelten Gewssern handelt es sich um ursprnglich nhrstoffarme, geschichtete Seen. Dieser Seentyp zeichnet sich durch eine stabile Temperaturschichtung im Sommer und ein ganzjhrige Sauerstoffsttigung im Tiefenwasser aus. Auf Grund der Anomalie des Wassers herrscht in den tieferen Schichten selbst im Sommer ein uerst konstantes Temperaturregime um 4 8C. Die wrmeepfindlichen Ostgroppen halten sich ber die lngste Zeit des Jahres in dieser als Hypolimnion bezeichneten Schicht auf. Nur im Frhjahr, steigen die Fische bis zum Seeufer auf, wo sie an steinigen Hngen ihr Laichgeschft verrichten. Stestens Ende Juni ziehen sie sich wieder in die Tiefe zurck. Durch hohe Nhrstoffeintrge aus Landwirtschaft und kommunalen Abwssern kommt es im Tiefenwasser zu einer Sauerstoffzehrung, die dazu fhren kann, dass das Hypolimnion im Sommer vllig sauerstofffrei wird. Die Ostgroppe befindet sich dann in der ausweglosen Situation, dass es oben zu warm wird und unten kein Sauerstoff ist. Es muss davon ausgegangen werden, dass dieser Effekt der so genannten Eutrophierung unserer Gewsser den Ostgroppen den Garaus gemacht hat. Mglicher Weise spielte aber auch noch ein zweiter Faktor eine Rolle. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde in vielen Seen ein kontinuierlicher Besatz mit Aalen durchgefhrt, der zu unnatrlich hohen Dichten dieses Fressfeindes der Groppen fhrte. In den Feldberger Seen kam der Aal vor den Eingriffen des Menschen berhaupt nicht vor.

Das Wiederansiedlungsprojekt
Im Schmalen Luzin bei Feldberg gelang es seit dem Ende der 1980er Jahre durch verschiedene Manahmen wie der Reduzierung von Nhrstoffeintrgen und einer technischen Nhrstoffausfllung die Wasserqualitt erheblich zu verbessern. Im Zuge eines zweijhrigen Forschungsprojektes (2001-2003) zum Schutz der glazialen Reliktfauna (REFUG) kamen Wissenschaftler der Gesellschaft fr Naturschutz und Landschaftskologie (GNL e.V.) und der Universitt Breslau durch umfangreiche Vergleichsuntersuchungen im Hanczasee zu dem Schluss, dass die Lebensansprche der Ostgroppe im Schmalen Luzin als wieder hergestellt betrachtet werden knnen. Ein Indiz dafr ist auch die natrliche Wiederbesiedlung des Sees mit einer wichtigen Sommernahrungskomponente der Groppen aus einem benachbarten Gewsser. Es handelt sich um die Schwebgarnele Mysis relicta, die ebenfalls den Glazialrelikten zugerechnet wird. Im Gegensatz zu diesem Tier besteht fr die Ostgroppe jedoch keine Mglichkeit den Schmalen Luzin vor einer kommenden Eiszeit auf natrlichem Wege wieder zu besiedeln. Daraus entstand die Idee, die Ostgroppe mit Hilfe von Tieren aus der letzten verbliebenen Tieflandseenpopulation auf knstlichem Wege wieder heimisch zu machen. Neben der Wiederherstellung der ursprnglichen Fischfauna der Feldberger Seen geht es darum, eine gefhrdete, seit 10 000 Jahren von anderen Populationen abgetrennte genetische Ressource zu bewahren und als Beitrag zum Erhalt der Biodiversitt langfristig abzusichern. Diesem Vorhaben wurde 2005 durch eine aus Wissenschaftlern und Vertretern der Naturschutz- und Fischereibehrden des Landes bestehenden Expertenkommission Naturschutz und Fischerei zugestimmt.

Bisheriger Projektstand
Bereits seit 2003 bemhten sich Mitarbeiter des Bundesamtes fr Naturschutz und der GNL e.V um eine Nachzucht von Ostgroppen aus dem Hanczasee. Die technisch aufwndige Haltung unter Laborbedingungen gelang zwar gut, doch erwies es sich zunchst als schwierig, einen verlsslichen Zuchtstamm aufzubauen. Ein weiteres Problem war, dass eine Finanzierung des ursprnglich geplanten, artbergreifenden Schutzprojektes fr die Glazialreliktfauna der Feldberger Seen, wie es im Rahmen des REFUG vorgeschlagen wurde, nicht zustande kam. Trotz dieser Rckschlge wurde das Vorhaben bei der GNL e.V. im Rahmen verfgbarer Eigenmittel weiter verfolgt. Im Jahr 2005 wurde erstmalig eine kleinere Anzahl von gezchteten Ostgroppen im Schmalen Luzin ausgesetzt. Nach einem Zusammenbruch des Zuchtstammes wurden im Jahr 2010 erneut ca. 50 Ostgroppen aus dem Hanczasee mit Genehmigung des polnischen Umweltministeriums eingefhrt. In Zusammenarbeit mit dem Aquarium des Mritzeums in Waren gelang die knstliche Reproduktion dieser Tiere nunmehr im zweiten Jahr. Von den 2010 erbrteten Tieren konnte im Mai 2011 mit ca. 1200 Tieren erstmals eine grere Anzahl von Ostgroppen freigesetzt werden. Im Vorfeld der Auswilderung durchgefhrte Fischbestandskontrollen zeigten allerdings, dass der aus fischereilichem Besatz resultierende Aalbestand nachwievor eine kritische Gre aufweist.

Ausblick
In den kommenden Jahren soll die Nachzucht der Ostgroppen in den Aquarienanlagen der GNL und des Mritzeum ausgebaut werden. Es wird angestrebt, dass in der folgenden Dekade ein jhrlicher Besatz von 4000 5000 Tieren erfolgen kann. Zur Absicherung einer ausreichend breiten genetischen Vielfalt ist es notwendig weitere Wildfnge aus dem Hanczasee in den Zuchtstamm einzubringen. Als Ausgleich dafr ist vorgesehen, zuknftig einen angemessenen Teil der Nachzucht auch in das polnische Herkunftsgewsser einzusetzen. Parallel zu den Bemhungen um eine Bereitstellung des Besatzmaterials ist es notwendig, den Aalbestand des Gewssers deutlich zu reduzieren. Dazu werden einvernehmliche Lsungen mit dem fischereilichen Pchter angestrebt. Erforderlich sind eine verstrkte Abfischung der vorhandenen Tiere und der Verzicht auf Neubesatz.